Institut für systemische Fort- und Weiterbildung, Supervision und Coaching

Respekt verloren und wieder erlangt

Systemische_Weiterbildung_FamilienskulpturIch habe wieder ein paar Eltern neu in Beratung und im Elterncoaching und nehme das zum Anlaß, ein paar Zeilen zum Thema “Respekt” zu schreiben.

Wikipedia nennt dazu die Stichworte Berücksichtigung, Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung.

Antonyme sind Respektlosigkeit, Missachtungen und gesteigerte Verachtung.

Es gibt Eltern – Kinder – Beziehungen, die schon vor der Pubertät Respektlosigkeit zeigen, dann zumeist von beiden Seiten, d. h. sowohl seitens der Eltern gegenüber den Kindern, z. B. indem Eltern ihre Kinder beschimpfen, kränken und ihnen Übles unterstellen. Wen wundert es außer die Betroffenen, daß die Kinder respektlos “antworten”.

Die Mehrzahl der Eltern wird sich jedoch gegenüber den Kindern einigermaßen respektvoll äußern, d. h. ihre Kinder nicht mittels Kraftausdrücken beschimpfen, die Kinder nicht nieder machen, ihnen nicht per se Böses unterstellen. Sie werden auch in der Mehrzahl bis zur Pubertät mit ihren Kindern irgendwie doch eine gegenseitige ganz gute Beziehung haben, pflegen und aufrecht erhalten. Allerdings sind viele dieser Eltern permanent und latent ihrem Kind gegenüber unsicher. Sie möchten es behüten und beschützen – ich finde den Begriff des “Curling” recht treffend: bei diesem Eisstockschießen wird auf der vorauseilenden Bahn mittels eines Besen durch heftiges Fegen das Eis etwas erwärmt, um damit die Bahn des Eisstockes zu beeinflussen. Curlende Eltern antizipieren alle denkbaren und möglichen Gefahren, die dem Kind “drohen” könnten und räumen diese “Gefahren” frühzeitig aus dem Weg oder warnen ihr Kind vor diesen Gefahren, damit der Weg des Kindes so glatt läuft, wie der Eisstock auf seiner gecurlten Bahn.

Eltern übersehen jedoch dabei, daß sie damit ihrem Kind Lebenserfahrungen, Umwelterfahrungen, soziale Erfahrungen aus dem Weg räumen, d. h. vorenthalten. Diesem Kind wird eine unrealistische Welt (-erfahrung) vermittelt und es gelangt unvorbereitet in die Pubertät.

Pubertät ist doch aber jener Lebensabschnitt, in dem sich Kinder (häufig sprunghaft von jetzt auf gleich) nicht mehr im Binnensystem der Familie zu Hause fühlen, sondern aus der Familie raus nach Außen drängen und Erfahrungen in der Peergruppe suchen und mit der Außerwelt experimentieren.

Wenn ihnen aber von curlenden Eltern wichtige Erfahrungen vorenthalten wurden, verfügen diese Kinder mit der oft plötzlich eintretenden Außenorientierung über zu wenig Know How, mit und in dieser Außenwelt zurecht zu kommen. Sie stürzen sich neugierig auf die neuen gleichaltrigen Kontakte, stürzen sich in Abenteuer, stürzen sich in neue tolle Erfahrungen, haben aber oft nicht gelernt, wie man mit Frust, Lust, Enttäuschung, überschwenglicher Neugierde, Skepsis, Vorsicht, Hinfallen-Aufstehen etc. umgehen muß.

Sie kennen das vom Gerede ihrer Eltern, aber nicht aus dem Anfühlen eigener Erfahrungen. Die Eltern courlen weiter: paß auf; mach dieses nicht, mach das doch; zieh die Jacke an, es ist kalt draußen; nimm Dir doch was zu trinken mit; hast Du Deine Hausaufgaben gemacht; denk dran um 4 ist Dein Zahnarzttermin; soll ich Dich zum Tennis fahren?! – – – und das mit 15, 16, 17, 18, 19, 20 Jahren – – – Geht’s noch?

Wie sollen solche orientierungslosen aber nach Orientierung lechzenden Pubertätsknubbel solche Eltern respektieren ?!

Das basalere Problem ist ja, daß sich diese Eltern auch orientierungslos fühlen:

Ich mache keinen Eltern einen Vorwurf – echt nicht. Sie haben es gut gemeint, aber woher sollen Sie Kenntnis über die Konsequenzen von curlendem Elternverhalten haben?!

Denn Sie befinden sich in guter Gesellschaft – in einer Gesellschaft, die breit aufgestellt in Erziehungsfragen vor sich hin schwimmt wie ein Schiff ohne Kapitän und das seit den 68er Jahren. Mit “in guter Gesellschaft” meine ich nicht nur andere Eltern, sondern pädagogische Hochschulen, Fachschulen für Erzieher, Fachoberschulen, Fachhochschulen, Lehrerausbildungen, Sozialpädagogen- und Sozialarbeiterstudium, vom Kindergarten bis zum Ende der Schulzeit …  puh

es ist eigentlich unglaublich, daß wir in Deutschland / Europa immer noch keinen gesamtgesellschaftlichen Konsenz für einen angemessenen Umgang mit Kindern und Jugendlichen hat.

Jene, es mag noch andere geben, die ich aber nicht wirklich kenne oder die mir gerade nicht präsent sind, denen ich Respekt zolle, sind Haim Omer und Arist von Schlippe , Gerald Hüther, Manfred Spitzer – wer weiß in dieser Reihe noch weitere -> bitte Kommentare schreiben …

Haim Omer (siehe Interviews mit Haim Omer bei Autorität) hat zeitlich parallel zu mir das Elternpräsenzkonzept für Eltern mit sehr respektlosen Jugendlichen entwickelt – ich das Elternpräsenzkonzept für Eltern mit konsumierenden Jugendlichen. Manches machen er und ich gleich. Vieles mache ich aber auch anders.

Eltern, die ich unterstütze und anleite, geben mir immer wieder die Rückmeldung, daß sich die Beziehung (um das Wort “Erziehung” etwas zu relativieren) zu den jugendlichen Kindern relativ schnell und “einfach”, d. h. klar und mit ein paar Regeln für einen selbst, gestalten läßt. Eltern können wieder aktiv und unabhängig Beziehung gestalten – sie haben den Blick zuerst auf sich selbst, was sie selbst für richtig und gut halten. Damit konfrontieren Sie (natürlich absolut entspannt und  respektvoll !!!) dann ihre jugendlichen Kinder. Sollen die doch erfahren und lernen, damit klar zu kommen.

Eltern sind das bedeutsamste Modell für den Umgang mit der Welt da draußen!
Und die hat keinen Schongang drauf.

Man könnte es pointieren: räumen Sie mit Curling nicht Ihren Kindern Schwierigkeiten aus dem Weg, sondern konfrontieren Sie Ihre Kinder mit Ihren eigenen Positionen, damit die Kinder rechtzeitig lernen, sich (mit solchen schwierigen Positionen) auseinanderzusetzen.

Sie schielen eben nicht auf die Kinder, was die denn meinen könnten. Ich mache mich nicht von deren Urteil abhängig, denn dann biete ich keine Orientierung an, die sie – die Kinder – so nötig brauchen.

Wir müssen uns wieder in Erinnerung holen, daß wir Eltern ein absolut respektvolles Vorbildung sein müssen.

Sich selbst (und nicht das Kind) unter Kontrolle zu bringen ist in den Beiträgen über die “Sendepause” beschrieben.

Zunächst einmal sollten wir unsere Sprache, unsere Wortwahl überprüfen.

Heute sagte eine Mutter zu dem verwahrlosten Zimmer ihre Sohnes “Das ist ein Schweinestall!” Damit hatte sie mir gegenüber sicher deutlich und zutreffend den Zustand des Zimmers bezeichnet.

Aber dieses Wort “Schweinestall” düfte sie niemals gegenüber ihrem Sohn verwenden und wenn es noch so zutreffend wäre, denn das wäre respektlos.

Hier schimpft sie über das Zimmer, aber stellen wir uns eine Steigerung vor, wenn sie beginnen würde, ihren Sohn zu beschimpfen. Das wäre der Gipfel der Respektlosigkeit. Das geht gar nicht. Bekanntes Sprichwort: Wie es in den Wald ruft, so schallt es heraus! Wenn man mit respektlosen Begriffen, Beschimpfungen, Zuschreibungen usw. eventuell noch so Recht hätte und den Nagel auf den Kopf träfe, man sähte, was man später nicht ernten möchte.

Wir wollen doch, daß die Kinder von uns lernen. Das lernen sie auch: Wie man respektlos jemand beschimpfen oder fertig machen kann.

Dabei rutschen Eltern solche Wörter meist dann heraus, wenn sie erregt sind, aufgebracht, wütend, enttäuscht, frustriert. Später dann cool und nüchtern betrachtet und mit Abstand ärgern sich Eltern oft, daß ihnen so etwas rausgerutscht ist.

Wenn man immer wieder so drauf ist, daß man die eigene Sprache nicht unter Kontrolle hat, heißt es, kommunikative Disziplin üben und trainieren und erst wenn die eigene Dispziplin zuverlässig erreicht ist und sitzt, wird man ausnahmlos respektvoll mit den Kindern sprechen. Wer das noch nicht erreicht hat, aber lernen möchte, sollte das Kapitel “Sendepause” lesen.

Die Kinder lernen uns also als doppeltes Modell kennen und schätzen:

  1. man hat sich selbst unter Kontrolle
  2. man kommuniziert stets respektvoll (angemessen, aufmerksam, wertschätzend).

Eltern, die sich so zeigen, werden von ihren Kindern stets respektvoll behandelt, selbst dann, wenn sie mal ganz anderer Meinung sind.

Übrigens gilt dieser Umgang doch nicht nur in Bezug auf ihre Kinder.
Sie gehen doch mit Ihrem Partner und Ihrer Partnerin ebenso respektvoll um, oder ?!